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Sarah Steidl

Flüchtlinge in der Literatur
Meine Webseite/Blog:

https://www.slm.uni-hamburg.de/germanistik/personen/steidl.html

Meine Themen:

migration film flüchtlinge in der literatur gegenwartskultur

Meine Sprache/n:

Deutsch Englisch

Meine Stadt:

Hamburg

Mein Land:

Deutschland

Meine Biografie:

Nach einem Studium der Germanistik, Philosophie und Erziehungswissenschaft bin ich seit Mai 2015 Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Stiftung Mercator-Forschungsprojekt „Geteilte Erfahrung Migration im deutsch-türkischen und türkischen Film“ (Leitung: Prof. Dr. Ortrud Gutjahr) an der Universität Hamburg. Parallel arbeite ich an einem Promotionsprojekt mit dem Arbeitstitel "FluchtLinien. Narrative von Entortungs- und Grenzerfahrungen in literarischen Texten des frühen 21. Jahrhunderts". Anlass für dieses Projekt ist die Ansicht, dass die deutsche Gegenwartsliteratur die aktuellen Dramen um Flucht inner- und außerhalb der ‚Festung Europa‘ sowie die politischen Debatten um Teilhabe der Geflüchteten an ‚unserer‘ Gesellschaft seismografisch aufnimmt. Immer mehr Autoren leihen dabei über ihre Figurengestaltung jenen eine Sprache, denen – nicht zuletzt aufgrund von Traumata – noch keine oder zumindest nicht die deutsche Sprache zur Verfügung steht. Das literaturwissenschaftliche Promotionsprojekt macht es sich zur Aufgabe, eine erste Bestandsaufnahme von Flucht-Narrativen aus dem frühen 21. Jahrhundert darzulegen. Leitend ist dabei die Frage, wie Autoren derzeit den politischen in einen literarischen Diskurs übersetzen. Welche ästhetischen Signaturen wählen sie – welche FluchtLinien zeichnen die Autoren in ihren Texten? Die als Korpus des Projekts ausgewählten Texte öffnen sich auf zweifache Weise auch den Geflüchteten selbst: Zum einen richten sich einige Texte durch mehrsprachige Schreibverfahren nicht mehr ausschließlich an eine deutschsprachige Leserschaft, zum anderen werden bestimmte Teile mancher Texte als von Geflüchteten geschrieben ausgestellt. Eine somit angedeutete ‚Co-Autorschaft‘ sowie die öffentlichen Autorenberichte über Recherchen in Flüchtlingslagern regen an, diese aktuelle Flucht-Literatur auch als Teil einer neuen Protokoll-Literatur zu rezipieren. Zudem sind immer wieder intertextuelle Referenzen zur ‚klassischen‘ Exilliteratur auffällig. Diese zeigen, dass staatenübergreifende Wanderungen nicht erst Erscheinungen der Gegenwart sind. Zwischen historischen Rekursen einerseits und dem Bemühen um größtmögliche Aktualität andererseits changierend, ist zu klären, inwiefern gegenwärtige Flucht-Narrative auch politischen Debatten neue Impulse zu geben vermögen.

Meine Vorträge / Referenzen:

Verkörperungen von Staatenlosigkeit. Flüchtlingsfiguren in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Das Flüchtlingsthema ist derzeit präsent wie nie – und das auf allen medialen Kanälen: Fernsehen, Zeitungen und das Netz zeigen die Bilder eines tot an den Strand gespülten dreijährigen syrischen Flüchtlingsjungen, Bilder von überfüllten Schlauchbooten im Mittelmeerraum und solche von den Eskalationen am serbisch-ungarischen Grenzübergang, wo die Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern gegen Flüchtlinge vorgeht. Abseits der Bilder wird die deutsche Bevölkerung von Presseschlagzeilen wie „Krätze-Chaos im Flüchtlings-Camp“ beunruhigt, und ständig sehen und hören wir in den Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Politikerköpfe verschwörerisch beieinander stehend über Grenzen und Quoten diskutieren. Dem allen vorangestellt die Frage, ob Europa, ob Deutschland das schaffen kann. Die Debatte um Ex- und/oder Inklusion der Flüchtlinge in den deutschen Staat beschäftigt auch die Kulturschaffenden unseres Landes. Die Flüchtlingskatastrophe erscheint als ein ‚Muss-Thema‘ für hiesige Künstler – Perlentaucher, das wohl größte deutsche Kulturmagazin im Netz konstatierte im Frühjahr dieses Jahres in Anbetracht der steigenden Zahl künstlerischer Arbeiten zur Thematik: „Der Flüchtling ist der neue Held des Kulturbetriebs.“ Die Vielzahl aktueller Filme, Hörspiele, Theaterstücke und Bücher zu Flucht und Vertreibung ist meiner Meinung nach nicht als sensationsheischende, weil Erfolg und Geld versprechende Strategie seitens der Künstler zu lesen, sondern vielmehr ein Ausdruck von Hilflosigkeit, eine Kritik an der europäischen respektive deutschen Zuwanderungspolitik und eine Art Versuch, das ‚Flüchtige‘ zu (er-)fassen. Diese realen Flüchtlingsdramen, wie sie sich derzeit vor und hinter den Toren der ‚Festung Europa‘ abspielen, verhandelt der Kulturbetrieb als eine von Diskriminierung und Ausgrenzung im Herkunftsland sowie potenziell auch im Zufluchtsland geprägte Erfahrung, die einen tiefen biografischen Bruch im Leben der Geflüchteten verursacht. Erstkontaktaufnahmen zwischen Deutschen und den Geflüchteten werden eindrücklich als auf beiden Seiten von Unsicherheit begleitet bebildert und Fragen nach der Möglichkeit der Inklusion der Heimatlosen in unsere deutsche Gesellschaft vielfältig – und auf andere Weise als von der Politik – ausgelotet. Diese künstlerischen Verhandlungen von Flucht können dabei, so meine These, bereits als eine Form der Inklusion gelesen werden – bieten sie den Flüchtlingen doch zumindest über deren figurale Einbindung in künstlerische Narrative einen Ort, eine Beheimatung.




8x Flucht. Wie viele Flüchtlinge ist ein Flüchtling? Versuch der Definition eines vielschichtigen Begriffes anlässlich der Lektüre von Abbas Khiders "Der falsche Inder"

Im Romandebüt des in 1973 in Bagdad geborenen Abbas Khider erzählt der irakische Protagonist Rasul Hamid von seiner Flucht vor dem Al-Baath Regime unter Saddam Hussein in gleich acht aufeinanderfolgenden Berichten. In der Rahmenerzählung berichtet ein nicht namentlich benannter Erzähler, wie er während einer Zugfahrt auf ein Manuskript stößt, in welchem sich acht Versionen eines Staatenlosen über dessen Flucht aus dem Irak befinden. Gerade weil der Autor Khider hier wie auch in seinen zwei weiteren Romanen immer wieder durch Paratexte auf das literarische Exil 1933-1945 verweist, drängt es sich auf, das historische Exil als Vorgeschichte gegenwärtiger Entortungserfahrungen lesbar zu machen. Die Anlage des Textes mit seinen acht Versionen der Flucht des Protagonisten richten den Blick des Rezipienten gleichwohl unweigerlich auf den Begriff des Flüchtlings. Khider scheint mit seinem Roman eine eindeutige Definition des Flüchtlings an sich zu unterlaufen und so Kritik an der Definition des Begriffs seitens der Genfer Flüchtlingskonvention zu äußern, die den gegenwärtigen vielschichtigen Fluchtmotiven nicht mehr gerecht wird.